Es ist ein Missverständnis mit Tradition. Sobald die Temperaturen steigen, kippt die halbe Schweiz heissen Espresso über ein paar Eiswürfel und nennt das Cold Brew. Doch das ist kein Cold Brew. Es ist verwässerter, kalt gewordener Kaffee – mit allen Bitterstoffen, die die Hitze gelöst hat. Echter Cold Brew folgt einem anderen Prinzip. Er entsteht ohne Hitze, über Stunden, durch reine Kaltextraktion. Wer Cold Brew selber machen will, sollte den Unterschied verstehen. Denn er entscheidet über alles: Geschmack, Säure, Charakter. Es lohnt sich, genauer hinzuschauen.
Was Cold Brew wirklich ist – und was nicht
Der Unterschied zwischen Cold Brew und Iced Coffee liegt nicht im Eis. Er liegt in der Extraktionsmethode. Beim Iced Coffee wird Kaffee heiss gebrüht und anschliessend über Eis serviert. Die Hitze löst die Aromen schnell – samt Säuren und Bitterstoffen. Cold Brew dagegen entsteht durch Kaltextraktion: Grob gemahlener Kaffee zieht stundenlang in kaltem Wasser.
Was bei der Heissbrühung Sekunden dauert, braucht hier Geduld. Zeit ersetzt Temperatur. Weil sich Bitterstoffe in kaltem Wasser langsamer lösen, schmeckt das Ergebnis runder und weicher. Viele empfinden Cold Brew als süsslicher und deutlich weniger bitter. Das ist kein Marketingversprechen, sondern eine Folge der Chemie. Die kalte Extraktion ist selektiver.
Genau hier trennt sich Handwerk von Abkürzung. Iced Coffee ist eine schnelle Lösung für den heissen Nachmittag. Cold Brew ist eine bewusste Zubereitung mit eigenem Profil. Beides hat seine Berechtigung. Aber es ist nicht dasselbe.
Auf einen Blick: Cold Brew
| Prinzip | Kaltextraktion – grob gemahlener Kaffee zieht ohne jede Hitze in kaltem Wasser |
| Verhältnis | 1:8 bis 1:10 für ein trinkfertiges Getränk, rund 1:5 für ein Konzentrat |
| Mahlgrad | Grob, vergleichbar mit grobem Meersalz |
| Ziehzeit | 12 bis 18 Stunden, am besten im Kühlschrank |
| Haltbarkeit | Gekühlt rund 3 bis 5 Tage |
| Geschmack | Mild, rund, arm an wahrgenommener Säure |
| Abgrenzung | Iced Coffee ist heiss gebrühter Kaffee auf Eis – ein grundlegend anderes Getränk |
Das Verhältnis entscheidet: Kaffee, Wasser, Zeit
Drei Grössen bestimmen den Cold Brew: Verhältnis, Mahlgrad und Ziehzeit. Das Cold Brew Verhältnis von Kaffee zu Wasser ist die wichtigste Stellschraube. Für ein trinkfertiges Getränk gilt das klassische Verhältnis von 1:8 bis 1:10. Das bedeutet 100 Gramm grob gemahlener Kaffee auf 800 bis 1000 Milliliter kaltes Wasser.
Wer ein Cold Brew Konzentrat will, arbeitet stärker. Hier liegt das Verhältnis bei rund 1:5. Das Konzentrat verdünnst du später nach Geschmack – mit Wasser, Eis, Milch oder Pflanzendrink. Das hat einen praktischen Vorteil: Du sparst Platz im Kühlschrank und dosierst flexibel. Ein Konzentrat ist die Profi-Variante.

Die Ziehzeit liegt typischerweise zwischen 12 und 18 Stunden. Kürzer als acht Stunden bleibt der Kaffee dünn und unfertig. Deutlich länger als 24 Stunden kippt das Profil ins Holzige und Adstringierende. Die meisten setzen den Cold Brew abends an und filtern ihn am Morgen. Auch das Wasser zählt. Weiches, sauberes Wasser bringt das Aroma klarer zur Geltung als hartes Leitungswasser. Geduld ist hier kein Nachteil. Sie ist das ganze Prinzip.
Mahlgrad und Bohne: die unterschätzten Stellschrauben
Beim Mahlgrad gilt eine klare Regel: grob. Der Cold Brew Mahlgrad sollte etwa der Körnung von grobem Meersalz entsprechen. Fein gemahlener Kaffee überextrahiert in der langen Ziehzeit und trübt das Getränk. Ausserdem lässt er sich kaum sauber filtern. Eine zu feine Mahlung rächt sich später.

Grobes Mahlgut dagegen extrahiert kontrolliert und gleichmässig. Es gibt seine Aromen langsam ab, genau im Tempo, das die Kaltextraktion verlangt. Wer eine eigene Mühle besitzt, mahlt direkt vor dem Ansetzen. Vorgemahlener Kaffee verliert schnell an Aroma.
Auch die Bohne verdient Aufmerksamkeit. Cold Brew verzeiht keine schlechte Qualität, er legt sie eher offen. Mittlere bis hellere Röstungen bringen Frucht und Süsse besser zur Geltung. Dunkle Röstungen liefern Schokolade- und Nussnoten, schmecken aber rascher flach. Ein Single Origin lohnt sich besonders. Sein Terroir wird im milden Cold Brew oft erst richtig lesbar – Beeren, Zitrus, Karamell treten klar hervor. Hier zeigt sich, was die Bohne kann.
Schritt für Schritt: vom Ansatz bis ins Glas
Die Zubereitung ist simpel, wenn die Grundgrössen stimmen. Du mahlst den Kaffee grob und gibst ihn in ein sauberes Gefäss. Dann übergiesst du ihn mit kaltem Wasser im gewählten Verhältnis. Wichtig ist, dass das gesamte Kaffeemehl benetzt wird. Rühre einmal gründlich um, damit keine trockenen Nester bleiben.
Anschliessend deckst du das Gefäss ab und stellst es kühl. Im Kühlschrank zieht der Kaffee 12 bis 18 Stunden. Manche lassen ihn bei Raumtemperatur ziehen, was die Extraktion etwas beschleunigt. Im Kühlschrank bist du auf der sicheren Seite. Geschmacklich wie hygienisch.
Nach der Ziehzeit folgt das Filtern. Ein feines Sieb, ein Kaffeefilter oder ein Tuch trennen das Mehl von der Flüssigkeit. Für ein klares Ergebnis filterst du zweimal. Das fertige Getränk geniesst du pur, auf Eis oder verdünnt. Ein Konzentrat streckst du etwa im Verhältnis eins zu eins mit Wasser oder Milch – je nach gewünschter Stärke. Probiere dich an deinen persönlichen Punkt heran. Cold Brew ist Geschmackssache.
Die Mythen: Säure, Magen, Koffein
Kaum ein Trendgetränk trägt so viele Halbwahrheiten mit sich wie Cold Brew. Der hartnäckigste Mythos: Cold Brew sei säurearm und darum magenschonend. Tatsächlich enthält die Kaltextraktion weniger gelöste Säuren und Bitterstoffe, weshalb das Getränk milder schmeckt. Doch der gemessene pH-Wert von kalt und heiss gebrühtem Kaffee ist vergleichbar.
Auch die Magenfrage ist differenzierter, als oft behauptet. Für die Magensäureproduktion spielt vor allem das Koffein eine Rolle, nicht nur die Säure. Für empfindliche Mägen kann Cold Brew dennoch eine Alternative sein. Eine pauschale Entwarnung ist es nicht.
Besonders relevant ist der Koffeingehalt. Cold Brew gilt fälschlich als sanfter Wachmacher. Dabei kann eine Portion von rund 355 Millilitern bis zu 200 Milligramm Koffein enthalten – mehr als die gleiche Menge Filterkaffee mit etwa 140 bis 190 Milligramm. Wer ein Konzentrat trinkt, ohne es zu verdünnen, unterschätzt die Wirkung leicht. Cold Brew ist mild im Mund, nicht im Effekt.
Haltbarkeit und Varianten
Ein Vorteil von Cold Brew ist die Vorratshaltung. Im Kühlschrank hält sich das Getränk rund drei bis fünf Tage, ein Konzentrat tendenziell etwas länger. Damit lohnt sich der Aufwand: einmal ansetzen, mehrere Tage geniessen. Wer mag, baut darauf weiter. Cold Brew mit Tonic ergibt einen erfrischenden Sommerdrink, mit Milch oder Hafer wird er cremig. Und Nitro Cold Brew, mit Stickstoff aufgeschäumt, bringt eine samtige Textur ins Glas. Das Grundprinzip bleibt immer dasselbe.
Häufige Fragen zu Cold Brew
Wie kann ich Cold Brew selber machen?
Du mahlst Kaffee grob und übergiesst ihn mit kaltem Wasser im Verhältnis von etwa 1:8 bis 1:10. Diese Mischung lässt du abgedeckt 12 bis 18 Stunden im Kühlschrank ziehen. Danach filterst du das Kaffeemehl ab, am besten zweimal für ein klares Ergebnis. Den fertigen Cold Brew geniesst du pur, auf Eis oder mit Milch verdünnt.
Welches Verhältnis von Kaffee zu Wasser ist richtig?
Für ein trinkfertiges Getränk gilt das klassische Cold Brew Verhältnis von 1:8 bis 1:10, also 100 Gramm Kaffee auf 800 bis 1000 Milliliter Wasser. Möchtest du ein Konzentrat herstellen, arbeitest du stärker mit rund 1:5. Das Konzentrat verdünnst du anschliessend nach Geschmack mit Wasser, Eis oder Milch.
Wie lange muss Cold Brew ziehen?
Die ideale Ziehzeit liegt zwischen 12 und 18 Stunden. Kürzer als acht Stunden bleibt der Kaffee dünn und unausgewogen. Deutlich länger als 24 Stunden kann das Aroma ins Holzige kippen. Am praktischsten ist es, den Cold Brew abends anzusetzen und ihn am nächsten Morgen zu filtern.
Ist Cold Brew wirklich magenschonend und säurearm?
Cold Brew enthält durch die Kaltextraktion weniger gelöste Bitterstoffe und schmeckt deshalb milder. Der gemessene pH-Wert ist jedoch mit heiss gebrühtem Kaffee vergleichbar. Für empfindliche Mägen kann er eine Alternative sein, eine generelle Entwarnung ist er nicht. Entscheidend ist auch das Koffein, das die Magensäureproduktion anregt.
Was ist der Unterschied zwischen Cold Brew und Iced Coffee?
Der Unterschied liegt in der Zubereitung, nicht im Eis. Cold Brew entsteht durch stundenlange Kaltextraktion ohne Hitze und schmeckt mild und rund. Iced Coffee ist heiss gebrühter Kaffee, der über Eis serviert wird, und behält die kräftigen Röst- und Säurearomen. Es sind zwei grundverschiedene Getränke.













