Sie gehören zu den berühmtesten und zugleich teuersten Weinen der Welt, die Bordeauxweine. Aber sind sie auch wirklich so gut, wie es der Preis teilweise vermuten lässt? Oder wird hier ein durchschnittlicher Tropfen im teuren Kleid verkauft?
In einem sind sich fast alle Weinexperten einig: Die horrenden Preise im vierstelligen Bereich, die teilweise für Bordeaux bezahlt werden, sind kaum gerechtfertigt. Der Bordeaux ist längst auch zum Spekulationsobjekt geworden. Diese Tatsache alleine heisst aber nicht, dass der Bordeaux seinen guten Ruf nicht verdient hätte. Und zwar einerseits als Lohn für geschicktes Marketing, aber auch mit einer durchaus guten Qualität. Im Interview mit dem deutschen Tagesspiegel erklärt Weinpublizist Rolf Bichsel 2013 die Einzigartigkeit der Bordeaux-Weine mit deren Ausgewogenheit und Harmonie. „Alle Komponenten sind fast perfekt aufeinander abgestimmt. Deshalb lassen einen die Weine nicht los.“
Über 50 AOC Bezeichnungen
Bordeaux-Weine sind typischerweise Cuvée-Weine, also mehrere Traubensorten in einem Wein vereint. Dabei kommen für Rotweine am häufigsten Cabernet Sauvignon, Merlot und Cabernet Franc zum Einsatz – je nach Appellation allesamt aus der gleichen Gemeinde oder dann aus der ganzen Region zusammengenommen. Insgesamt gibt es über 50 AOC-Bezeichnungen (geschützte Herkunft) für die Bordeaux-Region. Am wenigsten spezifisch sind die Appellationen „Bordeaux“ oder „Bordeaux superior“, die unter gewissen Voraussetzungen für Weine aus dem ganzen Département Gironde – also dem gesamten Bordeaux-Anbaugebiet – verwendet werden dürfen. Schon etwas höherwertig sind die innerregionalen Appellationen, die jeweils nur einen Teilbereich bezeichnen. An der Spitze steht die dritte Klasse, die kommunalen Appellationen, die sich nur auf eine oder zwei Gemeinden beziehen. Darunter finden sich beispielsweise Saint-Émilion, Margaux, Pomerol, Saint-Julien. Je regionaler die Appellation, desto höher sind die Anforderungen an die Weine.
Die Weinbauregion Bordeaux hat eine lange Geschichte
Die Geschichte der Weinanbauregion Bordeaux – oder Bordelais, wie es korrekt heisst – reicht weit zurück. Zum weltweiten Vorbild für die Weinproduktion wurde die Region unter anderem auch, als die Wissenschaft des Weins, die Önologie, nach dem zweiten Weltkrieg entwickelt und erstmals festgehalten wurde, massgeblich an der Universität Bordeaux. Eine Serie guter Jahrgänge in den 1980er-Jahren fachte das öffentliche Interesse an den Bordeaux-Weinen zusätzlich an, hochgejubelt auch von Weinexperten weltweit. Plötzlich gehörte es zum guten Ton, Bordeauxweine in seinem Weinkeller zu haben. Oder dann gleich ein ganzes Weingut sein eigen zu nennen. So investierten internationale Unternehmen wie Axa, Chanel oder LVMH in ihr eigenes Château im Bordeaux-Gebiet. Die Unternehmen investierten riesige Summen in ihren neuen Besitz, renovierten die kleinen Schlösser aufwendig und manifestierten damit das herrschaftliche, royale Bild des Bordeaux, so funktioniert Marketing.
Der Run auf dem Bordeaux hat auch viel mit Marketing zu tun
Heute werden von insgesamt rund 120’000 Hektaren Rebfläche zirka 5,7 Millionen Hektoliter Wein gewonnen. Und jährlich im April zeigen die Bordeaux-Weingüter, wie Marketing auch geht. Dann treffen sich hier jeweils rund 6’000 Weinexperten, um die neuen Weine vom Vorjahr zu testen und zu bewerten. Ein Run auf mehrere tausend Weine, die innerhalb von fünf Tagen degustiert werden sollen. Viel zu früh, um wirklich eine Aussage treffen zu können, sagen viele. Denn im Anschluss lagert der Wein noch in Holzfässern, wird oft erst zwei Jahre später überhaupt ausgeliefert. Aufgrund dieser Bewertungen werden jedoch Erwartungen geschürt und Preise angetrieben, deren Berechtigung sich erst Jahre später prüfen lässt.
Qualität hat nicht nur mit dem Namen zu tun
Das gute Dutzend grosser Namen macht dann auch 15 bis 20 Prozent des Umsatzes aus, mit zwei bis drei Prozent der Menge. Allesamt durchaus gute und harmonische Weine – natürlich je nach Jahrgang – jedoch nur ein kleiner Teil der Gesamtmenge. Dahinter gibt es noch über 200 weitere Weingüter, die ebenfalls Bordeaux-Weine herstellen und in der Qualität ihren teuren Verwandten oft in nichts nachstehen, je-doch einen weniger bekannten Namen haben.
Wie aber findet man denn nun einen guten Bordeaux, der nicht durch Spekulation oder geschicktes Marketing unerschwinglich ist? Grundsätzlich kann man hierzu erst einmal abwarten. Wird bereits im Folgejahr von einem ausserordentlich guten Bordeaux-Jahr gesprochen, ist dies vor allem für Spekulanten interessant, für den Geniesser noch nicht. Stellt sich nach der Auslieferung der Weine – zirka zwei Jahre später – heraus, dass es tatsächlich ein guter Jahrgang war, kann man sich durchaus auch einmal auf die kleineren Châteaux konzentrieren. Denn diese hatten die gleichen klimatischen Bedingungen, wie die teuren Häuser, auch wenn durch die Assemblage jeder Wein nochmals neu geprägt wird. Anschliessend kommen die Herkunftsangaben ins Spiel. Wer es fruchtig mag, wird beispielsweise eher im Médoc fündig, während Saint-Émilion und Pomerol eher sanfte und volle Rotweine hervorbringen. Ein weiteres Kriterium könnte die Crus-Klassifizierung sein – jedoch mit einigen Stolperfallen.
Die Sache mit der Crus-Klassifizierung
Aufgeteilt in fünf Crus-Klassen sind die einzelnen Châteaus (Weingüter) leicht nach ihrer gebotenen Wein-Qualität zu unterscheiden – könnte man denken. Aber: Im Unterschied zum Burgund gibt es keine Klassifizierung, die für das gesamte Bordeaux-Gebiet (Bordelais) gilt. Vielmehr gibt es für verschiedene Appellationen voneinander unabhängig geführte Einstufungen. Die älteste und bekannteste ist das Médoc- System, bei dem mit einer Ausnahme nur Châteaux aus dem Gebiet Médoc Einzug fanden.
Erstellt wurde die Einteilung von Premier Cru Classé bis zu Cinquième Cru Classé im Jahr 1855 im Rahmen der Weltausstellung in Paris. Seither wurde die Klassifizierung mit ganz wenigen Ausnahmen nicht mehr angepasst. Entsprechend fraglich ist es, ob man sich auf eine Klassifizierung aus dem Jahr 1855 verlassen möchte – auch wenn der Name verpflichtet – oder vielleicht doch eher auf eigene Entdeckungstour geht. Übrigens: Nebst dem Médoc- System gibt es noch weitere Klassifizierungssysteme, die für zusätzliche Verwirrung sorgen. Für die Médoc-Region gibt es auch noch die Crus Bourgeois, die zumindest regelmässig aktualisiert wird, sowie separate Klassifizierungen für die Regionen Sauternes, Graves und Saint-Emilion.