
Die Tabakpflanze fristet in der Schweizer Landwirtschaft zwar eher ein Nischendasein. Anders als viele vermuten, gibt es sie aber, und dies in der ganzen Schweiz. Eingesetzt wird der Schweizer Tabak vor allem in der Zigarettenindustrie und für Pfeifen- sowie Drehtabak.
Kuba, Dominikanische Republik, Nicaragua – die typischen Tabak-Länder sind allesamt eher südländisch. Ein Trugschluss, denn Tabak wird auch in der Schweiz angebaut, zwischen Getreide, Obst und Kuhweiden. Und dies mit grosser Tradition. Auf eine über 300 jährige Geschichte blickt der Schweizer Tabakanbau zurück. Seinen Anfang nahm alles in den Kantonen Basel und Tessin. Eine wahre Blütezeit erlebte der Schweizer Tabakanbau während des 2. Weltkrieges. Damals hat sich die Tabakanbaufläche fast verdoppelt und stieg auf 1450 Hektaren an.
Rund 6000 Tabakanpflanzer zählte man zu Kriegsende. Heute sind es noch gut 500 Hektare und rund 200 Bauernbetriebe verteilt auf neun Kantone, die Tabak anbauen. Zu ihnen gehört auch die Familie Sturzenegger aus Reutlingen bei Winterthur. Auf rund einem Hektar wachsen hier Jahr für Jahr bis zu 24000 Tabakpflanzen heran. Verwendet wird dieser Schweizer Tabak dann vor allem in der Zigarettenindustrie oder für Pfeifen- und Drehtabak, teilweise sogar mit dem Schweizer Anbau als Qualitätsmarke.
Die richtige Sortenwahl
Ursprünglich ist die Tabakpflanze in Süd- und Mittelamerika beheimatet. Im Laufe der Jahrzehnte hat sich jedoch herausgestellt, dass die Pflanze in ihren verschiedensten Sorten und Untersorten enorm anpassungsfähig ist. Inzwischen gibt es fast überall auf der Welt Länder, in denen Tabak angebaut wird. Je nach Land immer jene Sorten, die den jeweiligen klimatischen Bedingungen angepasst sind.
«Aus Ländern wie Kuba kommt der Aroma-Tabak. Wir in der Schweiz haben eher die grösseren Pflanzen und bauen eigentlichen Fülltabak an», erklärt Hans Sturzenegger den Hauptunterschied. Vor allem «Burley» hat hierzulande eine lange Tradition, eine Sorte, die bis heute natürlich an der Luft getrocknet wird. Erst seit 1992 baut man auch «Virgin» an, der künstlich im Ofen trocknet.
Seit Hans Sturzenegger 1977 mit dem Tabakanbau begann, ist er der Sorte «Burley» treu geblieben. Variiert hat er jedoch immer mal wieder mit den Untersorten. Die Wahl der richtigen Pflanze sei auch immer ein bisschen ein Erfahrungswert. Und es komme darauf an, wie sich eine Pflanze von Jahr zu Jahr verändere und mit welcher man am besten auskomme, erklärt Hans Sturzenegger. Seit einigen Jahren setzt man in Reutlingen nun auf die Untersorte «Stella».
Die Samen dafür kauft die Familie jedes Frühjahr neu bei der Schweizerischen Einkaufsgenossenschaft für Inlandtabak, der SOTA. Diese ist vollumfänglich von der Tabakindustrie finanziert und betreibt auch eine Forschungsstelle. Deren Aufgabe ist es, Tabaksorten hervorzubringen, die einerseits zu den klimatischen Bedingungen in der Schweiz passen, andererseits aber auch den qualitativen Ansprüche der Tabakindustrie entsprechen und den Tabakbauern die Arbeit so gut wie möglich erleichtern.
Aufwändig aber lohnend
Für Hans Sturzenegger war der Tabakanbau zu Beginn eher ein Experiment. Als er mit dem Anbau begann, kam er über den Schweizer Tabakproduzenten-Verband vergünstigt an die benötigten Maschinen, unter der Bedingung, dass er mindestens drei Jahre Tabak anbaue. «Die ersten zwei Jahre waren ganz schlecht», erzählt er. Kurz vor der Aufgabe kam dann aber das erfolgreiche dritte Jahr. «Die Tabakpflanze ist eine interessante, spannende Pflanze, die mich gepackt hat» so Sturzenegger heute. Auf die Frage, ob sich der Tabakanbau in der Schweiz denn lohne, sagt er: «Der Tabakanbau ist zwar enorm aufwändig, aber die Preise stimmen. Und ich habe meine Zeit immer lieber auf dem Hof investiert, als dass ich mir daneben in einem Zusatzjob noch etwas dazuverdiene».
Inzwischen baut man auf dem Hof der Sturzeneggers seit 37 Jahren Tabak an. Der Sohn Beat Sturzenegger hat mit seiner Familie den Hof übernommen, Hans Sturzenegger und seine Frau Hildi helfen weiterhin im Betrieb mit. Insgesamt bewirtschaftet die Familie 40 Hektaren. Zur Hälfte betreiben sie Milchwirtschaft, die andere Hälfte ist Ackerbau. Mit über 1’000 Stunden Arbeit pro Hektar ist der Tabakanbau der aufwändigste davon. Im Vergleich dazu: Für einen Hektar Mais hätte man nur rund 20 bis 30 Stunden. Das ganze Jahr über sei man mit dem Tabak beschäftigt, erzählt Hans Sturzenegger.
Dies beginnt im März mit dem Aussähen der Samen. Bereits drei Gramm der äusserst winzigen Samen ergeben 30’000 Pflanzen. «Pro Gramm zahlen wir einen symbolischen Franken an die SOTA», erklärt er. Nach gut zwei Monaten im Treibhaus werden die Pflanzen ins Freie gesetzt. Bereits ab Mitte Juli beginnt die Ernte. «Sobald die Blattspitzen sich aufhellen, sind die Blätter erntereif». Zu diesem Zeitpunkt sind die Tabakpflanzen bis zu einem Meter hoch, erreichen bis zum Schluss sogar über zwei Meter.
Ernte und Trocknung
Mit der Ernte beginnt auch die aufwendigste Zeit des Tabakanbaus. In mehreren Durchgängen wird nun Blatt für Blatt gepflückt, pro Durchgang jeweils drei bis vier Blätter pro Pflanze. Für das Sammeln der Blätter hat Hans Sturzenegger vor einigen Jahren eigens eine Maschine nachgebaut. Die Ernte selbst ist und bleibt Handarbeit, wird aber durch die Maschine vereinfacht. Anschliessend kommen die Blätter in die grosse Trocknungshalle. 20 Meter lang und 10 Meter breit ist diese. Hier werden die Blätter einzeln auf eine Maschine gelegt und auf eine Schnur aufgezogen, mit welcher sie anschliessend an Stangen befestigt werden. «Insgesamt haben bis zu 4000 Stangen in der Halle Platz, jeweils 10 Stangen übereinander. Und pro Stange sind es 53 – 57 Blätter» rechnet Sturzenegger vor. Bis hier jedes Blatt an seinem Platz ist, dauert es seine Zeit. Erst zwischen Ende August und Anfang September findet die Ernte ihren Abschluss.
Während die Tabakblätter nun in der Halle natürlich trocknen, muss die Luftfeuchtigkeit regelmässig überprüft werden. Denn ist diese zu tief, trocknen die Blätter zu schnell. Sturzenegger: «Die Trocknung sollte ein langsamer Prozess sein. Zuerst müssen die Blätter gelb werden und dann zum Schluss langsam braun». Für den Fall der zu geringen Luftfeuchtigkeit haben sie einen Wasserspeier an der Decke der Scheune angebracht, der die Blätter leicht befeuchtet. Schliesslich sei es schade, wenn in dieser Phase noch etwas schief laufe.
Gesicherte Abnahme mit Restrisiko
Sind die Blätter fertig getrocknet, werden sie nach Qualität sortiert, in Ballen zu 20 bis 25 Kilogramm gebunden und an die Einkaufsgenossenschaft verkauft. Dies kann sich bis Ende Jahr hinziehen, manchmal sogar noch länger. Von der SOTA haben Sturzeneggers ein Kontingent von 2600 Kilogramm Tabak zugesprochen, die ihnen zum der Qualität angepassten aber festgelegten Preis sicher abgenommen werden. Dieser bewegt sich in der Spanne zwischen rund 6 bis 17 Franken pro Kilogramm. Wird mehr Tabak produziert als Kontingent gesprochen ist, nimmt die SOTA diesen zum Weltmarktpreis ab, der aber viel tiefer angesetzt ist. Letztes Jahr jedoch war das Gegenteil der Fall: «Da gab es kurz vor dem Erntebeginn starken Hagel, der uns einen grossen Teil der Ernte zerstörte», so Sturzenegger. Das schmerze dann schon, wenn man bereits so viel Arbeit investiert habe. Dafür seien die zwei Jahre zuvor enorm ertragsreich gewesen. Und das Risiko gehöre in der Landwirtschaft immer dazu, ob nun Tabak- oder Getreideanbau, ist er überzeugt.